Es braucht ein Dorf!

Seitdem ich Mutter geworden bin, habe ich eine enorme emotionale Achterbahnfahrt angetreten, die mich in Situationen hineinwirft, die mich wachsen lassen; die verdrängte Erlebnisse zum Vorschein bringen, mit denen ich mich auseinander setzen muss; die mir eine Welt zeigt, für die ich schon blind geworden bin. Ja, das Muttersein hat mich selbst, meine Persönlichkeit wachsen und reifen lassen. Aber es bringt mich auch am Rande des Wahnsinns, ans Ende meiner Nerven und zerrt an meinen Kräften. Und dann bin ich doch wieder erstaunt, wie viel ich aushalten, wie viel Geduld ich trotz jahrelangen Schlafmangels und fehlender Erholung noch aufbringen kann. 
Doch seitdem ich Mutter bin, spüre ich auch den Druck von Außen. Den Druck alles perfekt meistern zu müssen - Erziehung, Haushalt und Ehe/Partnerschaft - und das Bitteschön alles allein. Die Kinder sollen wohlerzogen sein, die Wohnung wie geleckt aussehen. Ich selbst bin diesem Druck verfallen, der auf mir lastete und wollte alles selbst bewerkstelligen, doch über die Jahre zerbrach dabei etwas in mir, ich vergaß mich komplett selbst und verpasste wichtige Momente im Leben meiner Kinder. 

Die Veröffentlichung der Studie „Regretting Motherhood“ der  Soziologin Orna Donath im Jahr 2015, schlug große Wellen: in den sozialen Netzwerken gingen immer mehr Berichte und Aussagen von Müttern viral, die es bereuen Mutter geworden zu sein. Wir als Gesellschaft müssen diese Entwicklung ernst nehmen und nach dem Warum fragen. Warum bereuen diese Frauen es Mutter geworden zu sein, warum fühlen sie sich in ihrer Mutterrolle gefangen? Warum sind sie so erschöpft?


Es braucht ein Dorf Attachment Parenting bedürfnisorientiert Familie


„Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf“, so lautet ein berühmtes afrikanisches Sprichwort. Es zeigt auf, dass die Fürsorge für Kinder nicht nur einzig und allein die Eltern zu bewerkstelligen haben, sondern dass Kinder ebenso soziale Wesen sind, die in Gemeinschaft aufwachsen sollten. Es zeigt aber auch, dass Eltern nicht allein die Last der Elternschaft tragen müssen. Eine Gemeinschaft lebt vom gegenseitiger Unterstützung. Eine Familie, welche u.a. auch durch „ein spezifisches Kooperations- und Solidaritätsverhältnis zwischen ihren Mitgliedern“ (Nave-Herz 2002: 149)  gekennzeichnet ist, unterstützt einander.  
Und genau hier offenbart sich der Kern des Problems unserer Gesellschaft: Eltern können eben nicht mehr auf das besagte  Dorf zurückgreifen. 
Durch vielfältige gesellschaftliche Entwicklungen hat sich das familiäre Zusammenleben gewandelt. Wir leben nicht mehr in Gemeinschaft mit mehreren Familienmitgliedern und können uns auf diese Verlassen. 
Oder: V.a. Familienmitglieder der älteren Generation, jene, in deren Köpfen noch das Erbe der schwarzen Pädagogik herumschwirrt, versuchen die jungen Eltern, von ihren, die Würde des Kindes verachtenden, Ansichten, zu überzeugen; mehr noch: aufzudrängen. Früher galt der Ratschlag der älteren Generation als richtweisend, doch heute sehen sich Eltern mit veralteten Glaubenssätzen und schädigenden Vorschlägen konfrontiert, die allein die Folgsamkeit zum Ziel haben, nicht aber die psychische, physische und seelische Gesundheit des Kindes. Ratschläge wie
  • das Kind mit seinen Emotionen allein zu lassen, weil es gerade, in den Augen der Erwachsenen, sinnlos  „rumbockt“;
  • das Baby oder Kleinkind weniger zu stillen, damit es etwas „Richtiges“ isst 
  • dass das Kind allein in seinem Zimmer zu schlafen hat, weil es schon zu alt für das Familienbett ist (egal ob es sich allein fürchtet);
  • das Kind nicht in den Schlaf zu tragen, da es sonst niemals allein einschläft;
  • dem Kind das Recht auf ein Nein abzusprechen, da es nicht zu widersprechen hat;
  • das Recht auf körperliche Selbstbestimmung absprechen, weil man aufzuessen hat, weil man eine Mütze bei dem Wetter trägt oder weil man den Besuch begrüßen muss; und
  • das Kind zu einem Danke nötigen muss, da es sonst unhöflich ist uvm.


Es ist kräftezehrend solchen vermeintlich guten Ratschlägen wiederholt zu begegnen, weil sich Familienmitglieder aus irgendeinem Grund das Recht herausnehmen, anderen ihre Ansichten aufzudrängen. Kraft, die man eigentlich für die Aufgabe als Eltern braucht, denn bedürfnisorientiertes, wertschätzendes und achtsames Zusammenleben ist ein hartes Stück Arbeit, welches einem viel Geduld abverlangt. Gerade in Gemeinschaft mit Kindern braucht es eine gehörige Portion Geduld, da bei ihnen noch das impulsive Verhalten vermehrt ausgeprägt ist, denn ihre rechte Gehirnhälfte dominiert die Linke (vgl. Gewünschtestes Wunschkind-Blog). Es braucht also Menschen an der Seite, die das sehen und verstehen und nicht mit einem „Biste-selbst-Schuld-Vorwurf“ daherkommen und Unruhe stiften anstatt Verständnis aufzubringen. 


Es braucht ein Dorf Attachment Parenting bedürfnisorientiert Familie



Was können also Eltern tun, wenn die  Familie aus diversen Gründen keine Option für Gemeinschaft, Unterstützung und Entlastung ist?  Sie sollten sich einen eigenen Clan, ein eigenes Dorf aufbauen. 
Für mich ist Familie mehr als „eine Gruppe von Individuen, die einander durch Abstammung, Ehe oder Adoption verbunden sind“ (Giddens 1999: 630). Gerade im Hinblick auf, durch die schwarze Pädagogik verfestigte, Ansichten darüber, wie der Umgang mit Kindern auszusehen hat, ist ein Überdenken der originären soziologischen Definition notwendig. Es müssen neue Faktoren, die eine Familie in der heutigen Zeit ausmachen, Berücksichtigung finden. Familie ist meiner Betrachtungsweise nach, eine soziale Gemeinschaft, die NICHT zwangsweise auf verwandtschaftlichen Verhältnissen beruht, sondern sich auf den gegenseitigen Respekt, die Entscheidungsfreiheit, Toleranz, Achtsamkeit, Fürsorge, gewaltfreie Kommunikation und bedingungsloser Liebe stützt. In einer Familie muss man sich angenommen, respektiert und geliebt fühlen und man selbst sein dürfen. Diese Grundpfeiler menschlicher Beziehungen sind eben nicht immer unter Blutsverwandten anzutreffen. Deshalb ist Familie eben da, wo das Band der aufrichtigen, bedingungslosen Liebe geknüpft ist.   So können ebenso Freunde für uns zu einer Familie werden. 

Wir können uns aber auch Hilfe in Form von bezahlter Dienstleistung holen. Es ist vollkommen legitim, Haushalt, Einkauf etc. einer Haushaltshilfe zu überlassen. Das macht uns nicht zu schlechteren Müttern bzw. Eltern. Nein, wir müssen nicht alles allein bewältigen, wir dürfen und sollten uns Hilfe und damit Entlastung holen. 
Es braucht ein Dorf, damit Eltern ihre Kinder liebevoll aufwachsen lassen können und dabei ihr eigenes Wohlbefinden nicht außer Acht gerät. 

Wie sieht euer Dorf aus? 
Ich habe das große Glück Eltern an meiner Seite zu haben, die da sind, wenn ich sie brauche und eine gute Freundin, die immer ein offenes Ohr für mich hat. 






Literaturnachweis:

Giddens, Anthony: Soziologie, Nausner&Nausner, 1999: 630

Nave-Herz, Rosemarie: Familiensoziologie. In: Endruweit, Günther & Trommersdorff, Gisela (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie, Lucius & Lucius, 2002: 148-149






Eure Sandra





Montessorientdecker
Ich bin ein #MontessoriEntdecker



        
                   


Kommentare

  1. Der Löwenpapa trägt, auch nach der Trennung noch, unseren Erziehungsstil mit und wir versuchen uns gegenseitig zu unterstützen. Ansonsten habe ich hier vor Ort einige liebe Babysitter, einen wunderbaren Kindergarten, einen warmherzigen Kinderarzt (bei einem Kind mit Behinderung und einem gefühlsstarken Kind ist das Gold wert) und eine tolle Leihoma.

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