Freie Musikentfaltung - ein Interview

Freie Musikentfaltung Montessori Musik

Bei der Entwicklung ihrer Materialien und beim Umgang mit Kindern, hatte Maria Montessori wohl stets den kindlichen Drang nach Selbstständigkeit im Blick, mit der Überzeugung, dass Kinder kompetente Wesen sind. Ich beobachte auch bei meinen Kindern, dass eine für sie passende Umgebung, ihnen dabei hilft, sich zu entwickeln und sich selbst Wissen zu erarbeiten. Wir Erwachsene haben nur immer diese abstruse Vorstellung, dass man Kindern etwas beibringen muss. Somit brauchen wir im Umgang mit unseren Kindern eine gewisse Portion Gelassenheit, sowie Vertrauen in das individuelle Potential unserer Kinder. Freilich ist die Rolle der Eltern deshalb nicht obsolet. Wir können durch unser eigenes Verhalten und Vorbild, unseren Kindern so viele elementare Dinge vermitteln: Achtsamkeit, Respekt und Toleranz.

Doch wenn es um das Erlernen geht, ist es oft hilfreicher, sich einfach nur zurückzuhalten, zu beobachten und zuzulassen. Und genau dieses Zurückhalten fällt schwer, weil wir den inneren Drang verspüren, zu korrigieren, einzugreifen, den „richtigen“ Weg zu vermitteln. Wir können oft nicht einfach nur zulassen, da wir am Ende ein Ergebnis erwarten, und zwar ein Positives. Für uns ist das Ziel entscheidend, doch manchmal ist eben der Weg und was wir beim Gehen des Weges alles erleben, wesentlich bedeutsamer.

Folglich bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass Kinder ebenfalls dazu in der Lage sind, auf gleicher Weise sich der Musik zu widmen.  
Ich hatte bei meinen Überlegungen darüber sinniert, ob es sinnvoll wäre, Musikunterricht anzubieten oder mit ihnen Kurse zu musikalischen Früherziehung zu besuchen. Doch mir war es immer ein Unbehagen, dass solche Kurse nach einem bestimmten Programm ablaufen und Kinder nicht erst einmal die Musik und die Instrumente für sich entdecken konnten. Ich will ihnen nicht die Freude am Musizieren nehmen. Sie sollen die Musik, die Instrumente auf ihre Weise entdecken, die Töne erzeugen, den Klängen lauschen - eben sich der Musik auf ihrer Art und Weise annähern und letztlich hingeben, wenn sie es wollen.  

Freie Musikentfaltung Montessori Musik

In der Montessori Gruppe meiner Bloggerkollegin Ellen Girod (Montessori-Eltern: DIY, Bücher, Erziehungsfragen, und "Offtopic"-Themen), wurde ich dann aufmerksam auf einen ehemaligen Musiklehrer, der einen anderen Weg für die Erschließung der Musik aufzeigt. Gebhard Sam, ist ehemaliger Musiklehrer und betreibt den Blog „Freie Musikentfaltung“, indem er Eltern darlegt, wie sie ihr Kind dabei unterstützen können, sich frei und ungezwungen der Musik zuzuwenden. Erfreuliche Weise hat sich Gebhard für ein Interview bereit erklärt, dass ihr nun hier nachlesen könnt: 


1.   In deinem Blog setzt du dich für eine „freie Musikentfaltung“ ein. Schon allein der Name ist in Hinblick auf das Erlernen eines Instruments ungewöhnlich, meist wird von Musikerziehung gesprochen. Erziehung - ein Wort, welches ich selbst ungern benutze. Was hat es mit „freier Musikentfaltung“ auf sich? Was können wir uns darunter vorstellen?

Erziehung bedeutet für mich, dass da mit Kindern etwas gemacht wird. Entfaltung bedeutet, Kinder entfalten sich selbst. 
Erziehung ist für mich Gewalt an Kindern. Sie dürfen nicht selbst entscheiden, was sie unter Musik machen verstehen, ihnen wird dies von Erwachsenen beigebracht. Erwachsene können nicht wissen, wie Kinder sich entfalten möchten. Das ist bei jedem Kind anders. Das wissen nur die Kids selbst. Seit ich das weiß, kann ich mich entspannt zurück lehnen und meine Enkel machen lassen. Sie spielen wie und wie lange sie möchten, oft sind es nur 2 Minuten, aber ich stimme dem zu, würde ich es nicht tun, wäre die Wahrscheinlichkeit gering, dass sie gerne zum Instrument zurück kommen. 


2.    Meine Kinder haben ein vielfältiges Angebot an Instrumenten, mit denen sie gern nach ihrem Belieben musizieren. Bisher habe ich auf Musikkurse oder gar -unterricht für sie verzichtet. Wie kann ich meine Kinder und wie können andere Eltern ihre Kinder dabei unterstützen, sich frei einem Instrument zu widmen? Wie können Kinder ein Instrument ohne professionellen Unterricht lernen zu spielen?

Ich unterscheide da zwischen: Ein Instrument lernen als eine Ausbildung am Instrument und dem freien Spiel mit einem Instrument. Kleine Kinder behandeln Instrumente wie Spielzeuge, was ich gut an meinen beiden Enkeln beobachten konnte. Das Ein und Auspacken der Gitarre war für sie genau so wichtig, wie das Spiel mit den Klängen der Gitarre. Hier müssen Erwachsene mit ihren Vorstellungen total zurück stecken, wenn sie dem Kind gerecht werden wollen. Sie müssen quasi für sich entscheiden, was möchte ich? Sollen hier meine Vorstellungen von Musik machen verwirklicht werden, oder die Bedürfnisse des Kindes? Ich habe bewusst kein Konzept, mit dem ich Kindern begegne. Ich gehe vom Kind aus, gebe nichts vor, sondern lass alles sie selbst entscheiden, schaue zu und warte, ob sie eine Frage an mich haben. Das klingt sehr einfach, ist aber für uns Erwachsene verdammt schwer, weil wir der festen Überzeugung sind, Kinder könnten ohne unser Unterrichten nicht zurecht kommen. Sie kommen sehr wohl zurecht, uns steht nur unsere Vorstellung im Weg, wie Musik zu klingen hat. Kinder empfinden das meist etwas anders als wir. Die Frage ist für mich, um wen geht es hier? Um mich, oder die Kinder? 


Freie Musikentfaltung Montessori Musik


3.    Du hast selbst jahrelang als Musiklehrer gearbeitet. Wie bist du auf die „freie Musikentfaltung“ gestoßen? Welche Erlebnisse und Umstände haben dazu beigetragen?

Hierfür ist mein Lebenslauf verantwortlich. Angefangen mit einem einschneidenden Erlebnis, das ich mit 8 Jahren hatte. Ich hatte mir viele Lieder am Klavier selbst beigebracht und wollte von meinem Klavierlehrer eine Hilfe für eine Begleitung für die linke Hand. "Deine Musik taugt nichts, da fehlen ja die Noten". Später im Musikstudium erfuhr ich, dass er mir nicht helfen konnte, weil er ohne Noten sich nicht zu helfen wusste. Als Klavierlehrer an einer öffentlichen Musikschule habe ich erfahren, dass Kinder dort mit ihren Bedürfnissen nicht gesehen wurden. Das Konzept von Musikschulen garantiert den Gehalt der Lehrer, ist aber nicht an den individuellen Interessen der Schüler interessiert. Als Beispiel hierfür möchte ich nennen, dass bei Vorspielen nur auf die Leistung der Kids geachtet wurde, aber weder Lehrer noch Eltern haben gesehen, wenn ein Kind in Not geriet, wenn es Probleme bekam. Das Stück musste zu Ende gebracht werden, egal wie. In meiner Rente bekam ich nach und nach den nötigen Abstand zum Lehrerdasein und entdeckte allmählich, was ich damals als 8 jähriger Junge von Erwachsenen hätte gebrauchen können. Dies versuche ich jetzt Familien mit Kindern übers Internet anzubieten. 



4.    Im Musikunterricht habe ich die Noten nie so recht verstanden. Jetzt, wo ich mit meinen Kindern beispielsweise mit den Handglocken musiziere, spüre und sehe ich, dass Noten vorerst gar nicht notwendig sind. Bei den Handglocken finde ich es schön, dass die Kinder selber jeden einzeln Ton hören können und selbst erfahren, dass es eben tiefe und hohe Töne gibt und dass daraus eine Melodie entstehen kann. Wann sind Noten sinnvoll und wie kann man sie am besten einführen?

Noten sind eine ideale Hilfe, dann, wenn sie das Kind braucht. Lass dein Kind entscheiden, ob und wann es Noten benutzen möchte. Ursprünglich waren Noten als Erinnerungshilfe gedacht. Inzwischen sagen viele Menschen: "Ich bin unmusikalisch, ich kann keine Noten lesen". Das sind nicht ihre eigenen Gedanken, sondern Gedanken und Überzeugungen, die man ihnen beigebracht hat und nichts mit der Realität zu tun haben. Es gibt keine unmusikalischen Menschen. Noten habe zudem mit Musik nichts zu tun. 


Freie Musikentfaltung Montessori Musik Handglocken
Meine Mutter hat hier ein Notenblatt aus Filz angefertigt. Dazu habe ich kleine runde Filzkreise ausgeschnitten. Mit diesen Kreisen lassen sich bei Bedarf Melodien legen, wie hier abgebildet die Melodie des Liedes "Alle meine Entchen", welches hier gern selbst gespielt werden wollte. Das Notenblatt ist lediglich ein Angebot. Es dient dazu, dass die Kinder, wenn sie es wollen, Melodien spielen können. Anhand der farbigen Filzkreise wird erkenntlich, welche Handglocke sie in welcher Reihenfolge schütteln sollen. Es steht ihnen aber frei, selber Melodien zu legen und auszuprobieren oder das Notenblatt gänzlich außen vor zu lassen. Das Schöne an dem Notenblatt ist die visuelle Untermalung der gehörten Töne.


5.     Was möchtest du den Eltern noch mit auf den Weg geben?

Als kleine Kinder hatten wir noch Vertrauen in unsre Fähigkeiten. Dies haben wir verloren im Lauf unseres Lebens. Es ist schwer, Kindern eine freie Musikentfaltung zu gewähren, wenn wir kein Vertrauen in ihre angeborenen Fähigkeiten haben. Mir ist dies erst gelungen, als ich mich erinnert habe, dass ich mir das Klavier spielen selbst beigebracht habe, genau so wie das Laufen und das Sprechen. Warum soll da Musik machen eine Ausnahme sein? Musik machen ist ein menschliches Bedürfnis, nicht mehr und nicht weniger. Ich lass meine Enkel mit Musik Spielzeugen spielen wie mit anderen Spielzeugen auch. Lernen ist bis ins hohe Alter möglich, das haben Hirnforscher entdeckt, es gibt also keinen Grund zur Eile. Ich lehne mich zurück und genieße das freie Spiel meiner Enkel. 


Lieber Gebhard, ich danke dir für deine Zeit und deine inspirierenden Antworten.






Wie handhabt ihr dieses Thema? Was sind eure Gedanken dazu? 











Eure Sandra





Montessorientdecker
Ich bin ein #MontessoriEntdecker



        
                   


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