Vom Drang nach Unabhängigkeit und einem Kletterdreieck

„Eines Tages sah sie, wie das Kind ohne jeden erkennbaren Grund einen gefüllten Wasserkrug aus dem Schlafzimmer in den Salon trug. Sie beobachtete, mit welch angespannter Anstrengung der Kleine sich mühsam vorwärtsbewegte, und sagte sich selber unentwegt vor: ›Be careful, be careful!‹ (Sei vorsichtig!) Der Krug war schwer und schließlich hielt es die Mutter nicht länger aus. Sie eilte dem Kind zu Hilfe, nahm ihm den Krug ab und trug ihn dorthin, wo ihn das Kind haben wollte. Der Junge war sichtlich beschämt und begann zu heulen. Der Mutter tat es leid, das Kind gekränkt zu haben […] doch habe sie es einfach nicht über sich gebracht zuzusehen, wie er sich abmühte und eine Menge Zeit mit etwas verlor, das sie in einem Augenblick besorgen konnte“ 
(Maria Montessori: Kinder sind anders, Klett-Cotta, 2009: 125)


Ganz ehrlich, ich kann die Handlung dieser Mutter nachvollziehen. Wie oft regt sich in mir der Drang, eins meiner Kinder zur Hilfe zu eilen, wenn sie nach mehrfachen Versuchen die Krampen des Reißverschlusses immer noch nicht miteinander verhaken können oder die Schuhe einfach nicht an den Fuß wollen. Ich muss mich wirklich immer wieder zurücknehmen, um nicht ungefragt einzugreifen. 


Vom elterlichen Drang des Eingreifens


Warum haben wir diesen inneren Drang zu intervenieren, warum können wir es nicht aushalten, dass Kinder sich selbst ausprobieren und dafür eben mehr Zeit brauchen? Warum können wir hierfür keine Geduld aufbringen? 
Vielleicht trauen wir unseren Kindern einfach zu wenig zu? 
Vielleicht sind wir nicht in der Lage loszulassen und hemmen daher unbewusst die Entwicklung? Aber vielleicht blicken wir auch immer zu verkrampft auf ein Ergebnis? Für Erwachsene ergibt eine Handlung meist nur dann einen Sinn, wenn sie auf ein positives Ergebnis hinausläuft. Das Kochen soll zu einem delikaten Gericht führen, das Saugen zu einer staubfreien Wohnung oder das Backen zu einem vorzüglichen Kuchen. Doch Kinder haben einen anderen Blick auf solche Tätigkeiten, bei denen oftmals schon die Handlung wichtiger ist, als deren Ziel. Sie haben Freude am Tun, am Hier und Jetzt. 
Ich habe bisher noch nie erlebt, dass meine Kinder enttäuscht waren, wenn der Kuchen dann doch nicht so gelungen war, weil man vor lauter Freude am Tun, etwas vergessen hat. Dennoch war der Prozess des Backens nicht weniger sinnvoll: das Abwiegen, der Geruch und die Haptik der Zutaten, der Umgang mit verschiedenen Backutensilien, als auch das Einfüllen in eine Form, sind für Kinder äußerst anspruchsvolle Handlungen, bei denen alle Sinne angeregt und die Feinmotorik sowie die Konzentration geschult werden. 
Für uns stellt es eine triviale Aktivität dar, für Kinder einen Quell an reichen Erfahrungen, bei dem das Ziel nicht zwangsweise im Vordergrund steht. Eigentlich bin immer ich es, die mit dem Frust über einen misslungenen Kuchen zurechtkommen muss. Und oftmals kann ich es nicht aushalten und greife während des Backens ein, damit eben das Ergebnis stimmt: ein leckerer und optisch vollendeter Kuchen. So ist es auch immer wieder eine Einladung an mich selbst, einen anderen Blick darauf zu werfen. Vielleicht schaffe ich es dann auch, geduldiger und gelassener in anderen Angelegenheiten zu werden und nicht allein auf ein gutes Ergebnis zu hoffen beziehungsweise einzugreifen, damit dieses erreicht wird.

DIY Kletterdreieck nach Pikler Drang Unabhängigkeit Montessori

Bei meinem zweiten Kind habe ich einmal den entscheidenden Fehler gemacht und ihm auf ein Klettergerüst geholfen, dass es noch nicht allein erklimmen konnte. Man könnte meinen, dass dies nicht weiter schlimm sei, doch ich habe durch mein Handeln in den Entwicklungsprozess eingegriffen. Ich habe meinem Kind nicht geholfen, sondern etwas übernommen und ihm damit etwas weggenommen, nämlich die Erfahrung, selbst tätig zu werden, selbst etwas zu erreichen. Dadurch, dass ich mein Kind immer wieder hoch gehoben habe, nahm ich ihm zum einen den Antrieb, es selbst zu versuchen, und zum anderen machte ich es abhängig von mir, denn ohne mich gelangte es nicht zur Rutsche. Hinzu kommt, dass die alleinige Bewältigung dem Kind Selbstvertrauen schenkt. Habt ihr einmal die Freude im Gesicht eines Kindes gesehen, das etwas aus sich heraus geschafft hat, das nach etlichen Versuchen endlich der Erfolg eintrat?


Vom kindlichen Drang nach Unabhängigkeit


Anstatt sie also selbst versuchen zu lassen, habe ich ihr einen wichtigen Schritt zur Unabhängigkeit verbaut. Und Unabhängigkeit ist Ziel aller Entwicklung. Laut Montessori lässt sich Entwicklung als Erzielen „sukzessiver Grade  von Unabhängigkeit“ (Michael Klein-Landeck&Tanja Pütz: Montessori Pädagogik: Einführung in Theorie und Praxis, Herder 2011: 20) beschreiben. Mit dem Erreichen eines neuen Entwicklungsschrittes, stehen dem Kind neue Fähigkeiten zur Verfügung, welches ihm neue Optionen zum Handeln und Tun bieten und dadurch ein Stück mehr Unabhängigkeit (Michael Klein-Landeck&Tanja Pütz: Montessori Pädagogik: Einführung in Theorie und Praxis, Herder 2011: 20). Sie können also immer mehr Tätigkeiten verrichten und Handlungen ausführen, ohne dabei auf die Hilfe von Erwachsenen angewiesen zu sein.

Montessori zeigt auf, dass in jedem Kind ein innerer Drang zur Unabhängigkeit angelegt ist (Michael Klein-Landeck&Tanja Pütz: Montessori Pädagogik: Einführung in Theorie und Praxis, Herder 2011: 21). Und dieser innere Drang muss mit einer geeigneten Umgebung beantwortet werden, in der das Kind sich frei entfalten und entwickeln kann. Im Kind ist demnach alles angelegt, es findet selbst einen Weg zur Entfaltung, wenn es in einem geeigneten Umfeld aufwächst. Es braucht keine künstliche Intervention, die seine Entwicklung behindert, so wie ich die Entwicklung meines Kindes behindert habe, indem ich ihm die Möglichkeit nahm, selbst in die Unabhängigkeit zu klettern. Als ich schließlich sah, dass sie nicht einmal mehr danach strebte, es allein zu versuchen, sah ich ein, was ich durch mein Eingreifen verursacht hatte. Da ich kurz nach der dritten Schwangerschaft arge Probleme mit meinem Beckenboden hatte und nicht schwer heben sollte, versuchte ich nun mein Kind stattdessen dahingehend zu motivieren, allein hochzuklettern. Nach einigen Versuchen und viel Frust, packte sie wieder dieser innere Drang und sie schaffte es von sich aus.

DIY Kletterdreieck nach Pikler Drang Unabhängigkeit Montessori

Seit kurzem haben wir nun auch ein Kletterdreieck nach Pikler, welches mein Vater liebenswürdiger Weise für seine Enkel gebaut hat (Eine Anleitung findet ihr hier

Hier ergab sich eine ähnliche Situation wie auf dem Spielplatz. Oben am Kletterdreieck angekommen, gestaltete sich das Übersteigen des Dreiecks als kleine Herausforderung und ich wurde um Hilfe gebeten. Also begleitete ich sie verbal in ihrem Tun und sie fand einen Weg, um über das Kletterdreieck zu steigen. Denn helfen bedeutet eben nicht immer zwangsweise übernehmen, sondern auch zeigen, begleiten und ermutigen.  

"Hilf mir, es selbst zu tun. Zeig mir, wie es geht.
Tu es nicht für mich, ich kann und will es allein tun.
Hab Geduld, meine Wege zu begreifen.
Sie sind vielleicht enger, vielleicht brauche ich mehr Zeit, weil ich mehrere Versuche machen will.
Mute mir auch Fehler zu, 
denn aus ihnen kann ich lernen."






Eure Sandra







Montessorientdecker
Ich bin ein #MontessoriEntdecker



        
                   


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