Die Würde des Kindes

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Artikel 1 GG). Dieser Satz begleitete mich mein ganzes Studium hindurch, bei dem ich vor allem über Fragen der Menschenrechte mit Studenten und Dozenten sinnierte. Auch als Mutter beschäftigt mich dieser Satz, insbesondere da ich oft auf Gegenwind aufgrund meines Erziehungsstiles stoße.  Warum ist dieser Satz so wichtig und was hat das alles mit dem Umgang von Eltern mit ihren Kindern zu tun? Als Elternteil wird man sich sicherlich in folgender Situation wiederfinden können: Die Kinder sitzen im Flur mit einer Schale voll Weizenflakes.
Anstatt sie zu essen haben sie dabei Freude die Flakes im Flur zu verteilen, sie wieder in die Schale zu legen um sie dann wieder auszuschütten. Sie lachen vor Vergnügen. Und dann wird die heitere Stimmung durch aufgeregte Bitten um Unterlassung unterbrochen. Die Kinder grinsen und machen weiter. Die Eltern missverstehen das Grinsen als freches Verhalten und fordern Gehorsam. Das anfängliche Bitten wandelt sich in Drohungen und Schellte. Die Eltern schöpfen aus ihrem ganzen Machtrepertoire. Und die Kinder? Sie weinen und schreien, weil sie in ihrer lustigen Beschäftigung unterbrochen worden sind. Aber warum reagieren wir eigentlich in dieser Weise? Warum gehen wir mit unseren Kindern so um? Warum verletzen wir ihre Würde und nutzen unsere Autorität aus? Ist es so weil uns die Gesellschaft und auch unsere Verwandten und Bekannten weismachen wollen, dass unsere Kinder böse sind wenn sie nicht hören? Oder weil wir selbst zum Gehorsam erzogen worden sind und in die Handlungsmuster unserer Eltern und Großeltern verfallen? Stellen wir uns mal vor unser Partner würde uns anschreien oder gar drohen, weil wir wieder einmal die Kaffeetasse nicht weggeräumt haben. Fänden wir das in Ordnung? Ich glaube niemand findet es schön auf diese Art und Weise behandelt und gedemütigt zu werden. Aber warum behandeln wir unsere Kinder so? Wie können wir das rechtfertigen? Warum greifen wir zur Gewalt? Ja, auch dieses unseres Verhalten ist Gewalt. Gewalt bezieht sich nämlich nicht nur auf die körperliche Züchtigung, sondern schließt psychische und seelische Misshandlung mit ein. (Erst) im Jahr 2000 wurde in Deutschland ein Gesetz verabschiedet, das genau diese Art von Handlungen verbietet: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafung, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Erziehungsmaßnahmen sind unzulässig“ (§1631, Absatz 2 BGB).

Die geschilderte Situation über die Kinder, welche die Cornflakes im Flur verteilen, ist ein Sinnbild für viele ähnliche Begebenheiten in unserem Leben als Eltern, welche uns manchmal in den Wahnsinn treiben. Natürlich sind wir alle nur Menschen und fahren mal aus unserer Haut aber das darf nicht auf Kosten der Würde und der psychischen Gesundheit unsere Kinder gehen. Genau in solchen für uns nervenaufreibenden Situationen, in der es in einem innerlich kocht, halte ich mir den Satz vor Augen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ . Es hilft mir einen Schritt zurück zu machen und mich nicht gleich von meinen Emotionen beherrschen zu lassen. Es hilft mir den ersten Gefühlen wie Zorn und Wut nicht nachzugeben. Mein Kopf wird klarer, ich werde ruhiger und kann mich nun auf eine Ebene mit meinen Kindern begeben und spreche nicht mehr von oben herab. Es ist wichtig Kinder als gleichwürdig anzusehen und nicht als unfertige Subjekte, die nach den in der Gesellschaft geltenden Normen geformt werden müssen.  Der renommierte dänische Familientherapeut Jesper Juul betont, dass Kinder sowieso ihre Eltern nachahmen und sich so verhalten wie sie es auch tun.1 Und genau das ist doch der Punkt: Wie können wir denn Respekt von unseren Kindern erwarten, wenn wir sie selbst respektlos behandeln? Wie sollen Kinder denn einen respektvollen Umgang lernen, wenn wir ihnen etwas völlig anderes vorleben? Die Familie ist doch die kleinste Zelle der Gesellschaft: hier können wir den Kindern Werte und Normen durch unser eigenes Verhalten vermitteln. Wie können wir erwarten, dass ein Kind uns Achtung und Wertschätzung entgegenbringt, wenn wir es selber gering achten und nicht wertschätzen? Freilich sind Kinder, die zum Gehorsam erzogen wurden sind, auch hörig und in den Augen der Gesellschaft ‚lieb‘. Sie tun das, was man ihnen sagt. Aber sie tuen es nicht aus Respekt sondern aus Angst vor Konsequenzen. Ist es das was wir wollen? Wollen wir Kinder, die Angst vor uns haben anstatt uns zu respektieren? Wollen wir so eine Beziehung zu unseren Kindern? 

Durch die Art und Weise wie wir mit unseren Kindern umgehen, prägen wir auch unsere Gesellschaft. In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die als oberstes Prinzip den Schutz der Würde eines jeden Menschen - einschließlich der Kinder - hat. Denn wenn wir jeden Menschen als einen Inhaber von Menschenwürde anblicken würden, würde die Welt anders aussehen.






Eure Sandra





1 nach einem Zitat von Jesper Juul: „Kinder machen nicht das, was wir sagen, sondern das, was wir tun.“
















Montessorientdecker
Ich bin ein #MontessoriEntdecker



        
                   


Kommentare

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    1. Sehr gut geschrieben. Ein Text zum nachdenken , anders mit Menschen und Kindern umzugehen��

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